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| Elemental - Kind der Erde |
| Geschrieben von: Tanya Herig |
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Er hörte die Steine kreischen. Es war ein hoher, jedoch nicht sehr lauter Ton. Fast so, als ob irgendetwas ihn davon abschirmen wollte. Und doch waren die Schreie für ihn deutlich hörbar. Gefahr drohte! Schnell sprang der Junge von seinem sonnigen Platz in der Nähe der Steine auf und sah rasch um sich. Nichts war zu sehen. Es war sogar außergewöhnlich still. Nur der Wind, der über die weite Ebene hinweg zog, verursachte ein leises Rascheln der Bäume, die hier und da verteilt um den Steinkreis standen. Die Sonne strahlte in all ihrer Pracht auf das saftige grüne Land, das diesen Ort umgab. Der Tag schien nahezu perfekt. Zögernd ging der Junge auf einen der Steine zu. Auf einmal wurde das Kreischen lauter, und als er schließlich die glatte, kalte Oberfläche berührte, musste er sich seine Ohren zuhalten, so stark war plötzlich der Lärm. Dann wandte er sich um und rannte los. Seine kurzen Beine trugen ihn den Hügel in beeindruckender Schnelligkeit hinunter. Auch wenn er für sein Alter nicht der Allergrößte war, so war er zumindest der Flinkste. Er rannte und rannte, ohne zu wissen, was ihm die Steine sagen wollten. Das Einzige, was er wusste, war, dass es nichts Gutes sein konnte. Nie war es anders gewesen, solange er denken konnte. Immer weiter rannte er. Als er am Fuße des Hügels angelangt war, holte er kurz Luft, bevor er sich in Richtung des Flusses aufmachte. Auf der flachen Ebene schien sich seine Geschwindigkeit noch weiter zu erhöhen, sodass er binnen weniger Minuten den kleinen Steg, der ihn auf die andere Uferseite brachte, erreichte. Von hier aus waren es nur noch einige Hundert Meter bis zu seinem Heimatdorf. Doch auf einmal hielt der Junge an. In der Ferne konnte er bereits die Umrisse der Häuser erkennen. Aber mit Schrecken sah er nun auch dicke schwarze Rauchwolken von den Dächern aufsteigen. Es brannte! Wieder setzten sich seine kurzen, flinken Beine in Bewegung, wobei er diesmal von schierer Panik getrieben, darauf achten musste nicht über seine eigenen Füße zu stolpern. Er hastete weiter und rang nach Luft, während der stechende Schmerz in seiner Brust immer heftiger wurde. Doch das war ihm jetzt egal. Das Einzige was nun zählte war, dass er das Dorf so schnell wie möglich erreichte. Als er nach wenigen Minuten endlich an seinem Ziel ankam, sah er weinende Kinder, die sich hinter ihren verzweifelten Müttern versteckten und Väter, die lauthals mit einer Gruppe von Reitern diskutierten. Es waren Soldaten, soviel war klar. Und jedes Mal wenn sie in das Dorf kamen, stifteten sie nur Unheil. Doch diesmal schien das Leid, das sie über die Gemeinschaft gebracht hatten, größer zu sein als je zuvor. »Das könnt ihr nicht machen! Graf Ronan kann das nicht einfach so zulassen! Wir werden das nicht hinnehmen, hört ihr? Wir werden uns wehren!« Der Mann, der die Soldaten anschrie, war Hektor, einer der Bauern des Dorfes. Er war ein guter, stets recht schaffender Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Und doch schien er nun den Menschen in seiner näheren Umgebung fast Angst einzuflößen, als er mit einem hochroten Gesicht und einer tiefen, drohenden Stimme fortfuhr: »Ihr werdet schon sehen! Wir werden persönlich zum Grafen gehen und ihm berichten, was hier passiert ist. Dann werden wir hören, was er dazu zu sagen hat, wie sein Volk behandelt wird. Eure Machenschaften sind kaum besser als die der Besatzer!« Einer der Reiter, der einen eisernen Helm trug, führte sein Pferd ein paar Schritte näher an Hektor heran. Ohne von seinem schwarzen Ross zu steigen, lehnte er sich lediglich etwas hinunter, um den Bauern zu antworten: »Wir handeln im vollsten Interesse des Grafen. Das hier war sein Auftrag. Jeder weiß, dass der Graf mit den Besatzern ein Abkommen hat. Wenn ihr uns nicht glaubt, so geht selbst zu seiner Burg und fragt ihn. Jedoch würde ich euch raten, ihn nicht im selben derben Tonfall anzusprechen, sonst werdet ihr vielleicht noch eingesperrt…«, er machte ein kurze Pause und grinste hämisch, bevor er hinzufügte »oder ein schlimmeres Unheil kommt über euch.« Die dreiste Drohung des Reiters provozierte Hektor aber nur weiter. Er verzog sein Gesicht und spuckte auf den Soldaten, um seine absolute Respektlosigkeit zu zeigen. Es hatte aber nicht den gewünschten Effekt. Anstatt darauf zu reagieren, setze sich der Reiter nur wieder aufrecht in seinen Sattel und wandte sich dann, ohne ein weiteres Wort zu sagen, von ihm ab. »Ihr seid doch alle gleich! Führt die Befehle eines Herren aus, ohne an diese zu glauben, nur um eure Geldbeutel zu füllen. Und was habt ihr davon? Denkt ihr man bewundert euch dafür? Denkt ihr, ihr könnt euch dadurch Respekt erkaufen? Alles, was ihr bekommt, sind ein paar Goldmünzen und die Gewissheit unrecht gehandelt zu haben. Ihr seid keinen Deut besser, als die Mörder und Plünderer, die dieses Reich besetzen. Eure feinen Herren machen doch gemeinsame Sache mit denen, um sich selbst zu bereichern!« Hektors Stimme war immer noch so laut, wie ein gewaltiges Donnerrollen, das über das Land zog. Ein letztes Mal wandte der Reiter sein Pferd und signalisierte seinen Männern sich zu sammeln. Ihre Aufgabe war erfüllt. Voller Entsetzen sahen die Kinder, Frauen und Männer zu, wie ihr Zuhause in Flammen aufging und sie all ihr Hab und Gut mit einem Schlag verloren. Als die Soldaten zum Aufbruch bereit waren, erklang noch einmal die Stimme des Mannes, der den Helm trug, und anscheinend der Anführer war: »Unsere Befehle sind ausgeführt. Und nun würde ich euch raten eure Zunge zu zügeln, sonst sehen wir uns noch gezwungen Gefangene zu nehmen.« Hektor wollte sofort aus der Menge ausbrechen und auf den Fremden losstürmen. Im letzten Augenblick gelang es jedoch seiner Frau ihn von hinten zu umschlingen und ihn davon abzuhalten. »Nein, nicht! Ich bitte dich Hektor, lass es gut sein. Denk an unsere Kinder. Sie brauchen ihren Vater.« Sie flehte bitterlich, während Tränen an ihren Wangen entlangliefen. Es war herzzerreißend zu beobachten, doch der Reiter verzog keine Miene. Dann endlich drehte er sich um und führte seine Männer westwärts aus dem Dorf hinaus. Erst als ihre Umrisse langsam am Horizont verblassten, ließ die Frau Hektor wieder los. Er stand da wie benommen, wie alle Bewohner des Dorfes, unfähig etwas gegen die Flammen ausrichten zu können. Das Feuer hatte sich bereits zu weit ausgebreitet. Jedes einzelne Haus brannte lichterloh. Viele der Strohdächer waren bereits ganz eingestürzt und die angrenzenden Scheunen waren jetzt schon nur noch ein einziger Aschehaufen. Das Vieh hatten die Reiter mitgenommen. Es war zu kostbar, um es einfach so verenden zu lassen. »Cay!« schrie eine Frau, die nun auf die kleine Gruppe zugerannt kam. »Mama!« Als sie beim Jungen angelangt war, schlang sie ihre Arme um ihn und zog ihn an ihre Brust. »Da bist du ja! Ich war außer mir vor Sorge! Ich dachte die Soldaten hätten dir etwas angetan, dich wohl möglich verschleppt.« Sie hielt seinen Kopf und seine Stirn, immer und immer wieder. »Es ist schon in Ordnung, Mama. Mir geht es gut. Ich war nicht mal hier, als es passierte. Ich habe die Steine schreien gehört und wusste...« »Shhh. Ist schon gut. Genug davon mein Sohn. Jetzt bist du ja in Sicherheit.« Lange hielt sie ihren Jungen fest umschlungen und merkte dabei nicht einmal, wie stark sie zitterte. Am Ende war es Cay, der ihr Halt geben und versuchen musste, sie zu beruhigen. Als Cays Mutter langsam aufhörte zu weinen, lockerte sie ihre Umarmung, drückte aber ab und zu noch ihre Stirn gegen seine. Obwohl Cay nicht weinte, strich seine Mutter über seine Wangen, als ob sie seine Tränen wegwischen wollte. Erst als sie ihre Hand wieder zurückzog, drehte Cay sich um, um das ganze Ausmaß des Infernos zu betrachten. Nun begannen auch die Häuser in sich zusammenzustürzen. Es gab nichts, was die Dorfbewohner jetzt noch hätten tun können, um die Zerstörung aufzuhalten. »Warum das alles, Mama?« Die junge Frau neben ihm seufzte laut und fasste dann sanft an seine Schulter, wie sie es immer tat, wenn sie ihm etwas Wichtiges zu sagen hatte. »Du weißt, dass die Blätter bald ihre Farben ändern werden?« Er nickte kurz, nicht willens seinen Blick von den Flammen abzuwenden. »Ja ich spüre es. Der Wind ist anders und auch das Gras ändert sich langsam.«»Ja genau, und dann wirst du dich sicherlich auch daran erinnern, dass jedes Jahr um diese Zeit die Gesandten des Grafen durch die Lande ziehen, um den Zehnt von den Leuten einzutreiben? Letztes Jahr haben sie einen Großteil unserer Ernte mitgenommen. Deswegen war auch der Winter so hart für uns. Diesmal hat ihnen unser Ernteertrag aber nicht gereicht. Sie wollten auch noch unser gesamtes Vieh, aber das konnten wir ihnen nicht geben. Wir wären ansonsten verhungert!« »Weswegen tun sie das? Haben sie nicht genug?« »Das liegt nicht nur an den Herren dieses Reiches. Es liegt auch an den Fremden, mein Sohn. Sie bestimmen was und wie viel abgegeben werden muss.« »Die Fremden, die über das Wasser zu uns gekommen sind?«»Ja genau.« Angestrengt versuchte der Junge einen Grund dafür zu finden, warum ihre Herren mit den Fremden gemeinsame Sache machten. Wie konnten sie nur so grausam sein und sich dazu noch gegen ihr eigenes Volk richten? »Haben sie deswegen unsere Häuser angezündet?« Seine Mutter nickte schweren Herzens, als ihr noch eine einzelne Träne übers Gesicht lief. Es schmerzte Cay seine Mutter so gebrochen zu sehen. Sie war stets eine so starke Frau gewesen, besonders als sein Vater vor zwei Wintern plötzlich gestorben war. Damals war sie auf einmal allein mit zwei Kindern zurückgeblieben und hatte versuchen müssen drei hungrige Mäuler zu stopfen. Aber geweint hatte sie nie, vor allem nicht vor ihren Kindern. Nun hingegen schien ihre Kraft am Ende zu sein. »Und jetzt haben wir Nichts mehr! Keine Ernte, kein Vieh und nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf!« Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen um weitere Tränen zu verbergen. Nun war es Cay, der seine kleinen, kurzen Arme um seine Mutter schlang, um sie zu trösten. Es war das Einzige, was er jetzt noch tun konnte. Dann drehte er sich um, um in die Gesichter der Familien zu sehen, die dieses Dorf bewohnt hatten. Es waren annähernd 50 Menschen, die nun ohne Hab und Gut dastanden. Nun mussten sie ganz von vorne anfangen und das so kurz vor Einbruch des Winters. Obwohl Cay noch sehr jung war, verstand er, dass es wohl einige nicht schaffen, würden den Winter zu überstehen. Manche von ihnen waren an diesem Tag regelrecht zu Tode verurteilt worden. Plötzlich ergriff Hektor wieder das Wort: »Freunde, seht was Graf Ronan uns angetan hat! Er beraubt uns unserer Lebensgrundlage und nun hat er uns auch noch unser Zuhause genommen. Sollen wir wirklich hier bleiben und wieder alles aufbauen? Wozu das? Nur damit uns nächstes Jahr wieder dasselbe Schicksal ereilen kann? Ich meine wir sollten von hier wegziehen und unser Glück woanders suchen. Gemeinsam sind wir stärker. Was meint ihr? Wollen wir als Gruppe von hier fortziehen und uns eine neue Heimat suchen?« Alle Augen waren auf ihn gerichtet, auch die von Cays Mutter, die sich ihre Tränen an dem Ärmel ihres Umhangs abwischte. Nach wenigen Minuten der Stille war ein allgemeines Raunen der Zustimmung zu vernehmen. Es war beschlossen. Ihr Dorf würde als eine Gemeinschaft fortziehen. Das Leben, wie Cay es bisher gekannt hatte, war im Begriff zu enden. Wehmütig blickte er in die Richtung des Steinkreises; dort, wo er so viele Stunden verbracht hatte. Ob es woanders auch so einen Ort geben würde? Nirgends hatte er die Kraft der Natur deutlicher gespürt als an jenem Platz, den seine Vorväter vor Jahrhunderten errichtet hatten. Auch wenn seine Mutter nie gerne darüber sprach, hoffte Cay doch, dass er diese Gabe, die Kraft der Natur auf solch eine Weise zu spüren, nie verlieren würde. Als sich der Trupp eine Stunde später, mit den wenigen Habseligkeiten, die den Menschen noch geblieben waren, in Bewegung setze, hörte er erneut die Steine. Diesmal schrien sie jedoch nicht, sondern flüsterten ihm nur sanft zu: »Viel Glück auf deinem Weg, Kind der Erde.« |
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